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Der Pfarrer Theo Lorch

STUTTGART. Alt wollen alle werden, aber alt sein will keiner. Denn „alt sein“ klingt nach Alzheim und ist in dieser Gesellschaft nicht positiv besetzt. Dabei steckt unsterbliches Potenzial im Alter. Grund genug für eine Serie über Menschen mit Lebenserfahrung. Heute: der Theologe. Von Michael Ohnewald

Gebeugt, aber nicht gebrochen.

Lebenserfahren: der Pfarrer Theodor Lorch findet, „dass uns die feste Glaubensgrundlage fehlt“. Es war ein harter Kampf bis hierher, und das sieht man ihm an. Sein Gesicht ist blass, und die Augenlider unter seinen aschgrauen Brauen wehren sich mühsam gegen die Schwerkraft. Er gönnt ihnen deshalb jetzt auch am Tag längere Pausen, schließt seine Augen und schaut nach innen, hinunter in den tiefen Brunnen seiner selbst, der in früher Jugend ausgeschachtet worden ist und ihn bis heute bewässert.

Portrait Theo LorchOhne diesen Brunnen, der Glaube heißt, ist Theodor Lorch nicht denkbar. Er hat ihm die Kraft gegeben, als Bewahrer in die württembergische Landeskirche hineinzuwirken. Er hat ihn getragen, als er sich mehr als zwei Jahrzehnte lang als Direktor des Diakoniewerks auf der Karlshöhe in Ludwigsburg für behinderte und kranke Menschen eingesetzt und als Theologe und promovierter Volkswirtschaftler hunderte von Diakonen unterrichtet hat. Nicht selten hat er ihn auch gehalten in schweren Zeiten, die nicht ausbleiben, wenn einem der Herrgott eine solche Lebensspanne schenkt. Und Theodor Lorch ist recht großzügig beschenkt worden mit seinen hundert Jahren. In dieser langen Zeit hat er sich einen reichen Erfahrungsschatz angelegt, wobei der Schlüssel zur Truhe in seiner Biografie liegt. Geboren wurde Theodor Lorch 1905 in Stuttgart, als seine Eltern ihre Missionsarbeit in Kamerun zu einem Heimaturlaub unterbrachen. Als Kind dieser Umstände wuchs er hinein in die Gemeinde Jesu Christi.
Die Eltern ließen ihn zurück im Knabenhaus von Korntal

Was gewiss auch damit zu tun hatte, dass Vater und Mutter zehn Monate nach der Geburt ihres Sohnes wieder nach Kamerun gingen und den Buben im Knabenhaus von Korntal zurückließen. Mit sechs Jahren kam er ins Kinderhaus der Basler Mission, wo die Bibel zur Düngung der Heranwachsenden gehörte und es auch nicht viel Tröstlicheres gab als das Wort des himmlischen Vaters, welcher ihm folgerichtig den Weg gewiesen hat zum Studium der Theologie. Nach seiner Ausbildung in Tübingen und Berlin ging Lorch von der Theorie zur Praxis über und wurde Diener Christi. Seine erste Pfarrstelle hatte er in den Löwensteiner Bergen. Doch in Unterheinriet geißelte der junge Pfarrer den „Stürmer“ bei einer Predigt als wüstes Hetzblatt gegen die Juden, und so machte sich der Mitstreiter der Bekennenden Kirche in weiser Voraussicht 1936 nach Indien auf, um dort für die Basler Mission ein College für Theologen zu leiten. Er ging nicht allein. Inzwischen hatte Lorch seine Irmgard geheiratet und von ihr eine Tochter. Er war damals 31 Jahre alt, hatte nicht viel mehr als sein theologisches Rüstzeug, einen weißen Anzug und einen Tropenhelm. Lorch wurde ein beliebter Lehrer, doch seine Freiheit konnte der junge Deutsche nicht lange genießen. Im September 1939 wurde Lorch von der englischen Kolonialregierung verhaftet und samt Frau und Kind in ein Internierungslager nach Madras gebracht. Dort verbrachte er sieben Jahre, in denen er sich an seine Bibel gehalten hat, in der es heißt: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ Als der Krieg aus war, brauchte Theodor Lorch ein neues Heim für seine mittlerweile auf fünf Köpfe gewachsene Familie. Er fand dieses Heim und mehr noch eine Berufung auf der Karlshöhe in Ludwigsburg. Dort arbeitete er als Pfarrer und war von 1950 bis 1971 Direktor des Diakoniewerks und damit auch Leiter der Ausbildung von Diakoninnen und Diakonen. Lorch galt vielen als demokratischer Patriarch, als einer, der die Ordnung vorgegeben und den Dingen einen Platz zugewiesen hat und in seinem frommen Eifer manchmal auch den Menschen. Mit seiner Kirche hat er hingebungsvoll über die Grundfragen des Glaubens diskutiert und seinen Brüdern bei alledem stets nahe gelegt, „nicht immer den Dingen der Welt nachzulaufen“.

Am Ende ist er zum Diakon seiner kranken Frau geworden

Nach seiner Zeit als Direktor blieb Lorch der Karlshöhe erhalten und gründete für die soziale Einrichtung die Werkstätten für Behinderte, die noch heute seinen Namen tragen. Auch die Nikolauspflege in Stuttgart, die Nichtsesshaftenhilfe und der Kreisseniorenrat haben von seinem Rat profitiert. Als in den achtziger Jahren eine schleichende Demenzerkrankung seine Irmgard heimsuchte, da wurde er zum Diakon seiner Frau, kochte für sie und pflegte sie zu Hause, solange es ging. „Das hat mein Leben ungemein bereichert“, sagt er. Und dann sind sie beide 1994 ins Pflegeheim auf die Karlshöhe gezogen, wo sie noch immer unter einem Dach leben. An diesem Morgen sitzt Theodor Lorch unter diesem Dach in einem Sessel am Fenster und redet übers Alter, das ihn gebeugt hat, aber nicht gebrochen. Er sieht sich als einen christlichen Greis, der aus dem langen Studium des irdischen Seins einen kleinen Vorsprung an Erfahrung herausgearbeitet hat. „Dass wir so viele Alte haben, ist keine natürliche Entwicklung“, sagt er, „vielmehr haben wir reichen Völker gegen eine natürliche Lebensweise verstoßen, sodass die Alterspyramide jetzt leider auf dem Kopf steht. Die junge Generation muss lernen, bewusst junge Ehepaare zu fördern, die bereit sind, Kinder zu bekommen.“

Was nicht heißen soll, dass ältere Menschen in dieser Gesellschaft keinen Platz haben. Nur sei es häufig der falsche, glaubt der Pfarrer. „Es gibt heute schon zu viele, die verbittert und deprimiert in der Stube sitzen. Angehörige tragen oft schwer daran, wenn sie die Pflege übernehmen sollen. Ich kann schwer verstehen, dass die Scheu vor Alten- und Pflegeheimen so groß ist. Meine Frau und ich leben seit mehr als zehn Jahren in einem Heim und sind von Herzen dankbar.“

Diese Dankbarkeit hat er sich bewahrt, auch wenn das einst so weite Reich des Theodor Lorch, der in Indien war und in England und in Israel, der sich mit Weltanschauungen befasst hat und mit Religionsstiftern wie Buddha und Zoroaster, Jesus und Mohammed, auf ein kleines Zimmer zusammengeschrumpft ist. Er führt kein selbst bestimmtes Leben mehr und klagt doch nicht über den eingeschränkten Platz, auch nicht über schwere Operationen und das körperliche Siechtum. Darüber redet einer wie er nicht. So was erträgt man, ohne sich der teutonischen Lust am Jammern hinzugeben. Dafür sieht er trotz unreparabler Alterserscheinungen keinen Grund. Denn geblieben Theodor Lorch ein wacher Verstand, der ihm einen vorauseilenden Rückblick ermöglicht, ihn an der Vergangenheit teilhaben lässt wie auch an der Zukunft, die verkörpert wird durch vier Enkel und sieben Urenkel.

Seine Zukunft ist begrenzt, das weiß er und das merkt man ihm an. Manchmal erinnert Theodor Lorch, wenn er mit leiser Stimme über hundert Jahre Lebenserfahrung redet, ein bisschen an jenen australischen Ureinwohner, der nach einer langen Reise auf dem Bahnhof sitzen geblieben ist, weil seine Seele noch nicht angekommen war. Bei Theodor Lorch scheint es umgekehrt. Man hat den Eindruck, dass seine junge Seele schon ein wenig vorauseilt, und er noch einige seiner Eindrücke für die Nachwelt bewahren will, ehe ihr der alte Körper folgt.

„Ich sehe die Hauptursache vieler Probleme in unserer Gesellschaft darin, dass den meisten Menschen eine feste Glaubensgrundlage fehlt“, sagt er und rügt die Masterpläne der westlichen Gesellschaften. Dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, dass die Menschen in Entwicklungsländern weniger zum Leben haben als wohlgenährte Westeuropäer für Hundefutter ausgeben – das ist für den Christenmenschen höchst unchristlich und nicht hinnehmbar.

„Wir müssen die Kluft zwischen armen und reichen Bürgern und erst recht zwischen armen und reichen Völkern verringern“, mahnt Lorch. „Wir müssen lernen, die Rationalität der Märkte und das notwendige Maß staatlicher Interventionen in ein vernünftiges Verhältnis zu bringen.“ Dieses Verhältnis stimmt seiner Ansicht nach in diesen Zeiten vor allem bei den Freunden in Amerika nicht. Nach den perfiden Anschlägen auf das World Trade Center in New York habe die entsetzte Weltmacht den Krieg gegen den Terror ausgerufen. „Das war eine patriotische Massenhysterie“, sagt er. „Eine solche hatte ich vor mehr als siebzig Jahren im eigenen Land erlebt. Gewiss muss man die Schuldigen finden und hart bestrafen. Aber Böses erzeugt nur Böses, und Amerika sollte sich fragen, warum es sich in weiten Teilen der Welt so unbeliebt gemacht hat.“

Er selbst weiß nicht auf jede seiner Fragen eine Antwort, aber er ist ein ernsthafter und aufrechter Wahrheitssucher. Wo keine Fragen mehr sind, wird der denkende Mensch statisch und hört auf, in Gott den Ewigen zu sehen, aber zugleich den sich immer Verändernden, der auch im 21. Jahrhundert unterwegs sein will.

Sich aufbäumend bis zum Äußersten setzt auch er sich noch immer jeden Tag auseinander mit diesem Gott, obwohl er seine Botschaft nur noch von Kassetten hören und ihn nicht mehr regelmäßig besuchen kann. Deshalb schließt er häufig die Augen und hält seine persönliche Andacht. „Niemals empfindet man die Hand Gottes kräftiger über sich“, bekennt Theo Lorch, „als wenn man die Jahre seines vergangenen Lebens betrachtet.“

Draußen im großem Saal des Altenheims wird das Mittagessen serviert. „Wir alle hier sind eine Schar von Wartenden“, sagt er lächelnd zum Abschied. „Wir warten auf den Tag, an dem wir heimgeholt werden. Das ist der Tag, auf den ich mich freue.

(Quelle: Stuttgarter Zeitung vom 9. Februar 2006)

Theo Lorch starb am 22. April 2006 im Alter von 100 Jahren.