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... sind schnell vergangen. Eine gute Gelegenheit, Stefan Wegner, den neuen Geschäftsführer der Theo-Lorch-Werkstätten, im Interview vorzustellen.

Redaktion: Herr Wegner, zum Aufwärmen: erzählen Sie uns ein bisschen etwas zu Ihrer Person?

Stefan Wegner: Verheiratet, zwei kleine Kinder, 49 Jahre und mit drei Berufen ausgestattet: Industriekaufmann, Kommunikationswirt und Sozialpädagoge. In allen drei Berufen habe ich auch gearbeitet. Neben der Industrie und dem Bereich Werbung hat mich der Zivildienst, den ich in einer Schule für Menschen mit Behinderung machen durfte, so geprägt, dass ich alles aufgegeben habe, was Industrie und Werbung anging und bin dann in den Sozialbereich. Da habe ich das BA – [heute DHBW] – Studium zum Sozialpädagogen draufgesetzt. Mitte der Neunziger, mit Beginn des Studiums, war ich bei der ‚Neuen Arbeit‘. Deren Zielgruppe sind Langzeitarbeitslose. 2003 wechselte ich in den Behindertenbereich. Mein vorheriger Arbeitgeber [Anm. d. Red: vor den Theo-Lorch-Werkstätten] war das bhz Stuttgart e. V. Dort war ich 14 Jahre lang im Werkhaus Feuerbach Bereichsleitung im Bereich Arbeit.

Das bhz zu verlassen war vielleicht nicht ganz einfach. Was war Ihre Motivation, dass Sie gesagt haben ‚es wird Zeit für den nächsten Schritt‘ ?

Das ist eine gute Frage. Also es gibt mehrere Aspekte. Zum einen ist es so, dass man ab einem gewissen Lebensalter noch einmal überlegt, wo man steht. Also eine rein persönliche Lebensplanung. Des Weiteren kam hinzu, dass nach 14 Jahren die Aufgaben zwar komplexer wurden, aber nicht grundsätzlich neu. Ich hatte überlegt: wäre es nicht eine Option Aufgabengebiet und Lebensplanung zu erweitern? Das habe ich mir schon über einen längeren Zeitraum überlegt und durch schöne Umstände – ich habe gar nicht aktiv gesucht – bin ich dann auf die Anzeige gestoßen, dass hier diese Position ausgeschrieben ist. Das war dann aber auch so, dass ich erst überlegt habe, ob ich das überhaupt kann. Ich hatte Respekt davor und habe den natürlich immer noch und ich glaube, das ist auch gut so. Nicht, dass man denkt, man könne alles. Ich habe mich dann beworben und zu meiner großen Freude hat es geklappt.

Respekt war gerade ein gutes Stichwort: Bevor Sie die Stelle angetreten haben, wovor hatten Sie am meisten Respekt?

Letztendlich ist es ja so, dass ich einen Werdegang in der Vergangenheit hatte, bei dem es immer einen Schritt weiter ging. Den Sprung von der Bereichsleitung (eine Stufe unter der Geschäftsführung des alten Arbeitgebers) letztendlich dann an die Spitze zu gehen, also diese Rolle in Gänze einnehmen zu können, mit der Persönlichkeit, mit dem Fachwissen und mit dem Organisations- und Führungsverständnis, das war schon die kritische Frage, die ich mir gestellt habe. Ich glaube, davor hatte ich den größten Respekt.

Können Sie sich noch erinnern, als Sie – aus meiner Sicht – das erste Mal im Haus waren, da sind wir uns im Flur begegnet. Sie waren noch inkognito, da wusste noch niemand, dass Sie ‚der Neue‘ werden könnten. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das Haus und die Leute gesehen haben?

Das war Anfang des Jahres, im Februar. Bevor ich überhaupt hinein bin in die Theo-Lorch-Werkstätten, als ich die Straße hinunterfuhr, da dachte ich ‚Wow – könnte das mein neuer Arbeitsplatz werden?‘ Voller Anerkennung habe ich für mich festgestellt ‚die Theo-Lorch-Werkstätten stellen was dar.‘ Als ich dann reinkam war ich schon erstmal geplättet – ganz banal und profan – von der Länge der Gänge – oder des Gangs der Zentralverwaltung. Dieser lange Gang, der nach meiner Schätzung durchaus nicht nur 100 Meter abdeckt, sondern vielleicht 200 Meter und dann ganz am Ende das Zimmer von Herrn Vonhoff, das fand ich schon irgendwie beeindruckend. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, man ist nicht mittendrin, man ist so separat.

Separat im Sinne von ‚man ist etwas ab vom Schuss‘?

Ja, das muss ich tatsächlich sagen. Ich kannte es in meiner ganzen Berufspraxis so, dass der Arbeitsplatz näher am Geschehen war. Früher habe ich jeden Tag einen Werkstattrundgang gemacht. Das ist mir bis jetzt nicht möglich gewesen. Dadurch, dass die Standorte so weit weg sind und die Struktur und Dimension anders ist, wird das wahrscheinlich so auch nicht gehen, aber ich würde mich schon freuen, wenn es mir gelingt, mehr Kontakt in die Werkstatt und damit zu den Beschäftigten und Mitarbeitenden zu haben. Das ist meine Zielsetzung. Einfach um die Bodenhaftung nicht zu verlieren.

Worauf haben Sie sich denn am meisten gefreut?

Erstmal kann ich sagen – da muss ich ein wenig weiter ausholen – ist es das Unternehmen selbst. Als ich noch bei meinem alten Arbeitsgeber war –wurde 2005 eine Fachgruppe oder eine RAG [Regionale Arbeitsgruppe] – eingeladen bei den Theo-Lorch-Werkstätten zu tagen. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die neuen Druckerzeugnisse der Theo-Lorch-Werkstätten vorgestellt [2005 wurde das neue Corporate Design inklusive neuem Namen „Theo-Lorch-Werkstätten“ eingeführt]. Da habe ich auch den Standort zum ersten Mal kennengelernt und war tief beeindruckt. Damals habe ich für mich abgespeichert: ‚das ist ein gutes Unternehmen.‘ Verstehen Sie mich nicht falsch: mein alter Arbeitgeber ist ein gutes Unternehmen und ein guter Arbeitgeber. Aber ich habe mir gesagt, wenn sich irgendwann einmal eine Veränderung ergeben sollte, dann wäre es ‚cool,‘ bei den Theo-Lorch-Werkstätten arbeiten zu können. Wenn Sie das damit in Verbindung bringen, dass ich jetzt – 12 Jahre später – hier bin und dass das eine wahre Geschichte ist, dann ist das für mich persönlich ein schöner ZusammenhangDas heißt also, ich habe mich auf das Unternehmen gefreut und ich habe mich auch im Vorfeld auf das Unternehmen inhaltlich eingestellt. Dabei habe ich festgestellt, dass ich eine tolle Werkstattstruktur vorfinden werde. Werkstatt ist  ja per se mein Fachgebiet. Bei den vielen Standorten und mit diesem großen Leistungs- und Angebotspaket, habe ich mich darauf gefreut, dieses Leistungspaket und dieses Unternehmen mit den Mitarbeitern weiterentwickeln zu können. Es war tatsächlich dieses ‚jetzt kann ich als neuer Geschäftsführer [GF]das, was so gut vorbereitet und gelebt wurde unter der Führung von Herrn Vonhoff, im Idealfall gut weiterführen.'

Gibt es in dem Zusammenhang etwas, von dem Sie sagen „das hatte ich mir am Anfang ganz anders vorgestellt?“ Unabhängig davon, ob positiv oder negativ?

Also positiv habe ich gemerkt, dass das Arbeitsklima sehr gut zu sein scheint.
Ich habe gedacht, je größer das Unternehmen – das war so meine Faustformel und damit meine Erwartung – desto unpersönlicher ist es und somit auch das Klima schlechter. Die positive Überraschung war – und sowohl die Mitarbeiterbefragung, als auch meine persönliche Wahrnehmung bestätigen das – dass offensichtlich ein positives Betriebsklima herrscht. Auch wenn es vielleicht mal hier und da knirscht, aber das ist in jedem Unternehmen so. Die negative Überraschung hat vielleicht mit einer gewissen Blauäugigkeit meinerseits zu tun: ich ging davon aus, dass ich schon mehr am Schreibtisch sitzen könnte und mir mehr überlegen könnte, ‚was sind die nächsten Schritte? Was ist zu tun, was muss ich tun?‘ Das ist tatsächlich nicht so. Im Rahmen meiner Einarbeitung und auch jetzt nachdem Herr Vonhoff gegangen ist, seit dem 29. September, bin ich so verplant, dass kaum Zeit bleibt, über Dinge mal in Ruhe nachzudenken. Das hätte ich nicht ganz so erwartet. Allerdings habe ich auch festgestellt, dass aktuell in besonderem Maß eine stressige Zeit ist. Viele Themen, die durchaus eine Riesendimension haben, angefangen von Vergütungsvereinbarungen über Haushaltsplanungen bis zu Aufsichtsratssitzungen, aber auch strukturelle Veränderungen im Bereich der Produktion, im Bereich der Pädagogik oder im Qualitätsmanagement, stehen auf der Agenda. Diese Themen sind da und ich kann schlecht sagen, ich muss mich mal in Ruhe zurückziehen und einarbeiten. Sondern ich muss im Tagesgeschäft versuchen, auf den fahrenden Zug aufzuspringen, auch fachlich natürlich, um da meinen Beitrag leisten zu können , da lernt man auch sehr viel. Es gibt ja das Sprichwort, im Wasser lernt man schwimmen – und so kommt es mir gerade vor.

Können Sie absehen wann Sie sagen „ich komme jetzt mal an den Punkt, an dem ich jetzt schon gerne wäre,“ sprich: Sie sitzen an Ihrem Schreibtisch und können sich Gedanken machen oder ist das momentan noch ganz offen?


Nein, es ist nicht ganz offen. Es muss anders werden. Denn erstmal gibt es eine Erwartungshaltung per se an einen Geschäftsführer nämlich, dass er einen gewissen Teil des Tages auch strategisch unterwegs ist und in Ruhe überlegt, einen Fachartikel liest, eine andere Einrichtung anschaut oder einen Fachtag besucht, so dass eben auch Impulse von außen ins Unternehmen gebracht werden und weiterentwickelt werden können. Das muss in jedem Fall kommen und meine Planung ist, spätestens bis Ende Februar soweit zu sein. Nach dem Audit, dessen Vorbereitung noch einmal eine heiße Phase wird, nach der Personalinformation und ein paar weiteren Themen, die noch kommen. Danach würde ich schon sagen, dass dann das Tagesgeschäft mit Gremien, mit Jour fixes, mit LK [Leitungskonferenz] endlich eine Normalität erreichen muss.

Von der kurzfristigen Planung zur Längerfristigen: wo werden Ihre Schwerpunkte in den nächsten 5 Jahren sein? Wo bewegen sich die Theo-Lorch-Werkstätten hin?

Das ist die richtige Frage und die gilt es auch zu beantworten. Ich möchte mich jedoch noch ein kleines bisschen bedeckt halten. Mein erklärtes Ziel ist, mit der LK und der Führungsebene, diese strategischen Ziele zusammen zu entwickeln. Ich habe natürlich Ideen und Impulse, die ich mitbringe, aber ich möchte, dass wir das gemeinsam gestalten und überlegen. Ich bin der Meinung, dass nur dann auch der höchste Grad der Identifikation mit den Zielen und dem Unternehmen stattfinden kann. Was ich nicht möchte, um das deutlich zu machen und abzugrenzen: der neue GF sagt wo es langgeht und gut ist es. Sondern es soll ein gemeinsames Konstrukt werden, weil ich der Meinung bin, dass ich a) nicht alles wissen kann und dass b) die Blickwinkel der einzelnen – ich sage immer die unterschiedlichen Brillen – aus dem Operativen und aus der Leitungsebene so wichtig sind. Letztendlich ergibt nur die Gesamtschau ein solides klares Bild, das alle Aspekte berücksichtig. Dass wir auch nicht irgendwelche Schnellschüsse machen, sondern ein fundiertes strategisches Papier entwickeln, das vielleicht hier und da über die Jahre hinweg nachgeschärft werden kann und
muss. So ist mal mein prinzipielles Vorgehen. Das ist jetzt für die Leser vielleicht etwas unbefriedigend, weil nicht konkret genug. Aber ich sehe einfach das Un-ternehmen als ein Dienstleistungsunternehmen, mit ganz klar personenzentrierten Strukturen, das im Sinne der Menschen mit Behinderung Angebote bieten muss, die sie benötigen. Da kommt natürlich noch unterstreichend hinzu, dass das Bundesteilhabegesetz als das neue, schwer diskutierte Gesetz noch einmal diese Einstellung befeuert. Neben der Behindertenrechtskonvention natürlich, aber das ist ja so oder so klar.

Sie stellen sich jetzt einfach mal vor, ich bin die gute Fee [Gelächter bei Stefan Wegner] und ich könnte Ihnen drei Wünsche erfüllen, bezüglich der Arbeit.

Auf meine Arbeit bezogen oder auf die Wünsche der Theo-Lorch-Werkstätten? Wie ist die Fee ausgestattet? [lacht]

Die Fee könnte Ihnen sowohl Ihre eigenen als auch die der Theo-Lorch-Werkstätten erfüllen.

Das eine ist wirklich dieser Freiraum, den man braucht, um strategisch fundiert weiter gehen zu können, den zu haben. Das ist das Eine. Das wird aber kommen. Ich denke – und da kommen wir schon implizit auf die Überlegungen, wo ich die Theo-Lorch-Werkstätten sehe – ich würde mich freuen, wenn die Fee es schaffen würde, dass wir noch ein bis zwei neue zukunftsgerichtete Arbeitsfelder erschließen könnten. Das andere, dass wir es schaffen, die Beschäftigten in allem Tun noch stärker einzubinden und zu befähigen. Mein dritter und größter Wunsch wäre, dass ich es schaffe, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass jeder bei den Theo-Lorch-Werkstätten seine Arbeit gut machen und Ideen einbringen kann und wir alle daran arbeiten können, zukunftsfähig zu bleiben. Darauf freue ich mich schon sehr und ich bin stolz darauf, hier arbeiten zu dürfen.