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Heilix Blechle …

„Da war gerade jemand bei uns am Stand von einer Werkstatt aus der Nähe von Stuttgart, die wollen uns was spenden.“ Völlig ungläubig hört Reinhard Schade, Öffentlichkeitsarbeit Oldtimer Spendenaktion der Lebenshilfe Gießen, diese Worte von seiner Kollegin Tina Gorschlüter.

Jetzt ist es auf der Veterama – einer Oldtimermesse, die jährlich in Mannheim stattfindet – nicht ganz ungewöhnlich, wenn jemand von einer Werkstatt vorbeikommt. Autos gespendet bekommen Schade und Gorschlüter auch ständig – das ist sozusagen ihr Job. Warum also so erstaunt? Ganz einfach: weil mit „die Werkstatt“ nicht eine Autowerkstatt gemeint war, sondern die Theo-Lorch-Werkstätten. Und der „Jemand“ war Gruppenleiter Oliver Lang. Lang, selbst Oldtimerfan und in seiner Freizeit auch Restaurateur, hatte 2012 auf ebendieser Messe ein altes Moped entdeckt, eine RIXE RS50.

Jeder Gruppenleiter hat die Aufgabe, eine sogenannte Arbeitsbegleitende Maßnahme – kurz AbM – abzuhalten. Da dachte sich der gelernte KFZ-Mechaniker, man könnte doch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden, und bot seit 2014 eine AbM an mit dem Ziel, den Zweitakter herzurichten und zum Laufen zu bringen. Und wie sie inzwischen wieder läuft! Die alte Dame, Jahrgang 1959, braucht zwar manchmal ein, zwei Anläufe, bis sie in die Gänge kommt, aber dann schnurrt der Motor wie eine Katze am Sahnetopf. Auch ein neues Kleid hat sie bekommen: statt matt und verrostet glänzt sie nun in zartem Himmelblau. Darum war nun die Zeit gekommen, sich von der RIXE zu verabschieden. Denn von Anfang an war klar, dass die Maschine, die mit heutigen Mopeds verglichen sehr zierlich daherkommt, nicht für immer bleiben konnte. Die Theo-Lorch-Werkstätten waren nur eine Zwischenstation.

Nach zweieinhalb Jahren und fast 80 Arbeitsstunden ist die RIXE jetzt bereit für ein neues Leben. Wie es sich die Beschäftigten gewünscht haben, wird das Moped für einen guten Zweck eingesetzt. So kam es, dass die eingangs erwähnten Schade und Gorschlüter sich an einem trüben Novembertag auf den Weg von Gießen nach Ludwigsburg machten. Denn die RIXE soll im Rahmen einer Spendenaktion, die die Lebenshilfe Gießen seit 22 Jahren durchführt, einen neuen Besitzer bekommen. Jeder, der möchte, kann 5 Euro – oder einen [höheren] Betrag seiner Wahl – an die Lebenshilfe Gießen spenden. Die Spendenzahlungen werden archiviert und einmal im Jahr – immer im Januar – wird aus all den Spendern ein Einzahlungsbeleg gezogen. „Das alles findet unter notarieller Aufsicht und öffentlich statt“, betont Tina Gorschlüter.

Die aktuelle Aktion läuft noch bis 20. Januar 2017. Insgesamt gibt es dieses Jahr für alle Spender acht Chancen, an einen Oldtimer zu kommen. Die RIXE ist allerdings noch nicht dabei. Für die kann erst ab dem 21. Januar 2017 gespendet werden und die Ziehung ist dann im Januar 2018. Im Februar 2018 findet die Übergabe an den oder die neuen Besitzer statt. „Da müsst ihr kommen, mit den Beschäftigten, die die Rixe restauriert haben“, lädt Reinhard Schade Oliver Lang und Isabell Brando ein. „Das ist immer eine schöne Veranstaltung: 120 Gäste aus der Medien- und Automobilbranche, die Gewinner und natürlich unsere Beschäftigten, die die Ablage und Nummerierung der Spendenbelege übernehmen“, ergänzt Tina Gorschlüter voller Begeisterung. Überhaupt merkt man beiden an, dass sie für die Oldtimerspendenaktion brennen. Sie sind selbst Oldtimerbesitzer und freuen sich über jeden Neuzugang. Denn alle Autos und Zweiradmaschinen, die in der Aktion sind, wurden gespendet.

2000 Menschen mit Behinderung profitieren von der Spendenaktion

„Im letzten Jahr haben sich 100.000 Menschen an der Aktion beteiligt“, lässt Schade noch wissen. Das Geld, das über die Spendenaktion fließt, verwendet die Lebenshilfe Gießen, um für Menschen mit geistiger Behinderung oder psychischer Erkrankung Projekte zu finanzieren. Die diesjährigen Spenden werden zum Beispiel für den Bau einer barrierefreien und inklusiven Sportstätte verwendet. Darum war Schade auch so baff, als er hörte, dass eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung ein Moped für ihre Spendenaktion stiften wolle. „Dass eine Werkstatt für eine Werkstatt spendet, das hatten wir noch nie“, erzählt er bei seinem Besuch. „Wir finden es ganz toll, dass eine Einrichtung einer anderen Einrichtung hilft“, ergänzt seine Kollegin Gorschlüter.

Für die Beschäftigten der Theo-Lorch-Werkstätten war es aber ganz selbstverständlich, dass sie für einen guten Zweck etwas tun wollen und das Fahrzeug spenden. Sie sind sich einig und freuen sich auf ein letztes Gruppenbild mit ‚ihrer‘ RIXE. Sobald alle in die Kamera gelacht haben, wird die RIXE in den Transporter geladen, gut festgezurrt und noch ein Ersatztank eingepackt. Schade und Gorschlüter wollen sich auf den Weg machen. Auf dem Rückweg haben sie noch etwas Besonderes vor. Sie wollen beim Erstbesitzer der RIXE, der in der Nähe von Mannheim wohnt, noch einen Abstecher machen. Oliver Lang hatte Kontakt zu ihm aufgenommen und der heute 88-Jährige freut sich darauf, sein Moped noch einmal zu sehen, bevor es einen neuen Besitzer bekommt.

Doch erst heißt es Abschied nehmen für die Beschäftigten, die in den letzten Jahren jedes Schräubchen kennengelernt haben. Aber wer weiß, vielleicht reisen sie ja im Februar 2018 wirklich zur Übergabe und dann gibt es noch einmal ein kurzes Wiedersehen. Außerdem hat Oliver Lang bereits einen neuen Oldtimer, eine Victoria Vicky, angeboten bekommen. Ein Marbacher würde sie ihm schenken. Das hört sich doch nach einer guten Idee für eine neue AbM an.