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Ich mach nix…

Sonntag, 08:15, ich liege nichtsahnend da, als lautes Rufen mich weckt. Puh, das galt nicht mir, sondern Claudia Kunz, der Hauswirtschaftsleiterin. Trotz der frühen Stunde hat sie beim Bierbänke hinstellen schon ein Lied auf den Lippen. Sie soll wohl die Tür aufmachen für Isabell Brando, Öffentlichkeitsarbeit. Macht sie auch gleich. Ist halt eine ganz Nette.

Für mich ist die Nacht jetzt auch vorbei und es passiert das, was immer passiert. Ich kenn das schon. Das geht mir immer so. Egal wo ich auftauche. Die Menschen rufen gleich "Oh Gott bloß nicht." Dabei heiße ich gar nicht Gott. Aber ich habe mir da inzwischen ein dickes Fell zugelegt.  Die Rufe hindern mich nicht daran, mich umzuschauen und mir ein Bild zu machen. Schließlich ist heute Tag der offenen Tür bei den Theo-Lorch-Werkstätten. Am Standort Bietigheim. In der Asperger Straße 26. Das hat mir das bunte Bild verraten, das direkt im Eingangsbereich hängt. Sie nennen das wohl Plakat.
Noch ist nicht alles fertig und Ehrenamtliche Helfer, Beschäftigte und Mitarbeitende rennen hin und her und bauen auf. Plötzlich sehe ich Röschen, die kenne ich. Das sind Blumen. Aber die hier fahren. Ich dachte immer die wachsen nur, aber die hier fahren direkt an meinem Auge vorbei. Hmm, das muss ich mir genauer anschauen. Ach so, die Röschen werden auf einer Palette gezogen von einer Frau. Passenderweise heißt sie Rosi Wolf. Die Frau, nicht die Palette. Sie sieht mich und ruft "Oh Gott bloß nicht" und versteckt schnell einen Becher hinter dem Rücken – warum nur? Ich hab ihn doch eh schon gesehen.

Weiter geht’s. Hartmut Langner begegnet mir. Er schaut noch etwas müde aus. Darum schimpft er "Nicht, ich muss erst mal einen Kaffee trinken." Immerhin sagt er nicht "Oh Gott bloß nicht" und das mit dem Kaffee kann ich auch gut verstehen. Ich trinke ihn zwar eigentlich nicht, aber wir gehören trotzdem irgendwie zusammen. Hartmut Langner ist auch sehr nett. Er gibt Brando nämlich etwas vom Kaffee ab. 
Ich hätte es ja nicht gedacht, aber trotz der Hitze ist alles rechtzeitig fertig geworden und das ist auch gut so. Die Gäste stürmen nämlich schon das Gelände. Jetzt falle ich auch nicht mehr so auf und kann in Ruhe alles ansehen, zur Kenntnis nehmen. In dem Übersichtsplan, den es am Eingang gibt, ist auch ein Programm abgedruckt. Mal sehen, was jetzt kommt? Ah ja, die Akkordzithern von der Lebenshilfe Rems-Murr. Ganz zart erklingen die Töne aus dem Speisesaal und die Leute halten inne, um es zu genießen. Der Geschäftsführer der Theo-Lorch-Werkstätten, Dietrich Vonhoff, übernimmt die Moderation. Ihn kann ich in der Menge leicht erkennen, denn er hat sich extra für mich ganz in das Theo-Lorch-Outfit geworfen: Baseball-Cap mit »Ganz-Normal-Anders«-Stickerei und das blaue Polo-Shirt mit "Theo-Lorch-Werkstätten" darauf. Das Polo wird mir heute noch oft begegnen.
Verflixt, vor lauter Kleidung habe ich beinahe die Rede von Edwin Lang, Vorstandsmitglied des Alleingesellschafters ABL e.V., verpasst. ABL e.V. ist ein bisschen abstrakt, da kann ich mir nur schwer ein Bild davon machen, aber wenn ich das richtig sehe, dann sind das die, die dafür gesorgt haben, dass es die Theo-Lorch-Werkstätten gibt. Edwin Lang kennt die Theo-Lorch-Werkstätten schon ganz lange. Davon erzählt er. Wie es früher so war. Da hießen sie noch gar nicht Theo-Lorch-Werkstätten, sondern WfbM. Auch so ein abstraktes Ding: Werkstatt für behinderte Menschen. Überhaupt, was sind denn Menschen mit Behinderung? Ich nehme immer nur lachende oder weinende, ernste oder fröhliche, große oder kleine, schlanke oder nicht ganz so schlanke, sportliche oder unsportliche, nette oder nicht so nette Menschen wahr. Aber ich glaube darum geht es hier heute auch. Dass alle zusammenkommen und sich kennenlernen. Schauen, was hier in dieser Firma so gemacht wird. 
Genau das machen die Menschen jetzt auch. Mir ist aufgefallen, Menschen halten sich gerne in Gruppen auf. Vielleicht hoffen sie, dass ich sie dann übersehe. Klappt aber nicht. Ich folge einfach der Gruppe, die zwei Herren in den bereits erwähnten blauen Polos folgt. Praktischerweise tragen die zwei Polo-Hemden Namensschilder, so weiß ich, der eine ist Jochen Türk und der andere heißt Jürgen Kurfiss. Jürgen Kurfiss scheint der zu sein, der weiß wo es lang geht. Er erklärt den Leuten genau, wie die Arbeit hier gemacht wird. Er zeigt, wie die einzelnen Teile zusammen montiert werden. Und wo er seinen Arbeitsplatz hat. 
Als ich einen Blick in den Raum gegenüber werfe bemerke ich noch eine Gruppe. Die verfolgen auch gebannt, was die beiden in den blauen Polos erzählen, nur dass die Polos hier Jutta Ciccorilli und Mona Engwer heißen und somit unschwer als Frauen erkennbar sind. "Oh Gott, bloß nicht…" Mist, ich bin enttarnt und schaue, dass ich schnell den Ort wechsele.
Ah hier, Förder- und Betreuungsbereich. Hier stehen Früchtebecher. Lecker sehen die aus, so richtig zum reinbeißen. Aber ich darf leider nicht. Der Fruchtzucker bekommt mir nicht. Aber die Menschen essen sie mit großem Genuss. Ich linse über den Gang rüber und erspähe Wegweiser "Unterstützte Kommunikation." Naja, reden kann ich eigentlich gar nicht. Das ist spannend: Es geht ums Reden, aber es hängen lauter bunte Bildertäfelchen herum. Wie passt das denn zusammen? Nicole Grimme, Gruppenleiterin, erklärt es mir  - und einer Dame, die sehr interessiert, aber wohl ein bisschen vergesslich ist. Sie schreibt sich nämlich alles ganz genau auf. Kann mir nicht passieren, ich habe ein fotografisches Gedächtnis. Ups, Entschuldigung, die Dame ist von der Presse, also ist sie nicht vergesslich, sondern macht nur sehr diszipliniert ihre Arbeit. Am Ende von Grimmes Vortrag haben wir beide verstanden, die Bilder sind wichtig für Menschen, die sich - so wie ich - nicht so gut mit Worten ausdrücken können, aber trotzdem etwas mitteilen möchten. Vielleicht sollte ich mir das auch überlegen und jedes Mal wenn jemand sagt "Oh Gott bloß nicht" das Bildtäfelchen mit dem traurigen Gesicht zeigen…
Weiter ins Untergeschoss. Ist schon ein wenig seltsam hier. Rosen, die fahren, Bilder die sprechen und Kakteen, die singen. Also eigentlich nur ein Kaktus, aber ich glaub er nennt sich nur so. In Wahrheit ist er ein Mensch. Huch der strahlt ja, meint der wirklich mich? Sollte es tatsächlich Menschen geben, die bei meinem Anblick nicht Sie-wissen-schon-was rufen? Unglaublich. Aber er ist trotzdem etwas traurig. Er denkt, dass ihm niemand zuhört. Da kann man mal wieder sehen, dass der Blickwinkel das alles entscheidende ist. Einfach mal die Perspektive wechseln, dann sieht alles ganz anders aus: seine vielen Knöpfe und Tasten sind nämlich empfindlich, was das Wetter angeht, deshalb sitzt er drinnen. Weil es aber so heiß ist, sitzen die Zuhörer alle draußen. Um die Ecke. Er kann sie zwar nicht sehen, aber die Gäste können ihn dafür sehr gut hören. Und das ist bei Musik – habe ich mal festgestellt – die Hauptsache. Also alles im grünen Bereich. Außer die Würste, die die Faustballer vom TSV Bietigheim eifrig grillen. Die sind nicht grün sondern rotbraun, aber das ist wohl auch der Plan. Denn die Würste und auch das Fleisch sehen aus wie gemalt.
Wieder auf dem Weg zurück spickle ich schnell in ein Fenster hinein. Was machen die denn da? Das sieht ja aus wie ein Flaschenöffner. Und der passt auch noch zu Polos und Baseball-Caps. Es steht nämlich auch »Ganz normal anders« darauf. Ein Mensch aus der Maschinengruppe – leider konnte ich seinen Namen nicht sehen – erklärt, dass das ein besonderer Kapselheber ist. "Den machen wir selbst und nur heute, extra für das Fest."
  
Oha, schon wieder eine Gruppe Menschen. Ein bisschen ungewöhnlich gekleidet bei diesen Temperaturen. Ach so, das ist die Theatergruppe. »Die Lorchis« - die spielen "Die Geschichte vom Wünschen." Also wenn ich zwei Wünsche frei hätte, dann wäre das erstens, dass dieser Tag der offenen Tür nicht so schnell vorbeigegangen wäre. Viele der Sachen konnte ich gar nicht so richtig ins Visier nehmen. Die Süße Schleuder, den Rollstuhlparcours, die ganzen Infostände über die verschiedenen Angebote. Aber zum Glück haben noch zwei Kollegen von mir vorbeigeschaut. Die haben auch ganz viele neue Eindrücke aufgenommen. 
Mein zweiter Wunsch? Können Sie sich das nicht denken? Dass die Leute nicht immer "Oh Gott bloß nicht" rufen, wenn sie mich sehen.
Herrje, wie unhöflich, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt: mein Name ist Canon, EOS von Canon. Und wenn Sie mich das nächste Mal sehen, kennen Sie mich ja schon. Dann brauchen Sie keine Angst haben. Ehrlich. Ich mach nix – ich will nur fotografieren.

Ohne viele helfende Hände von befreundeten Organisationen wie zum Beispiel INSEL e.V., Lebenshilfe Rems-Murr, die Faustballer des TSV 1848 Bietigheim e. V., das Deutsche Rote Kreuz.  Ohne all die Angehörigen, die als ehrenamtliche Helfer im Einsatz waren. Ohne die tatkräftige Zusammenarbeit von Beschäftigten und Mitarbeitenden, wäre ein solcher Tag der offenen Tür nicht machbar. Daher an dieser Stelle an all die Namenlosen, die vielleicht nicht genannt wurden, 
deren Unterstützung wir aber sehr schätzen und keinesfalls missen möchten: Die Spüler, Kuchenbäckerinnen, Essens-Ausgeber, Kassiererinnen, Getränke-Einschenker, Malerinnen, Bastler, Infostandbesetzerinnen, Geschirrabräumer, Grillerinnen, Musiker…an Sie alle ein herzliches Dankeschön.