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"Mein Freund der Baum, mein Freund der Baum..."

Mit hoch erhobenen Armen steht Thomas auf einem Baumstamm und macht aus dem alten Schlager von Alexandra einen Rock’n Roll, so sehr freut er sich, dass er seine Bedenken überwunden, und sich doch auf diesen Baumstumpf getraut hat.

Thomas ist einer von fünf Beschäftigten aus dem Arbeitsbereich. Zusammen mit vier Kollegen aus dem Förder- und Betreuungsbereich (FuB) nehmen sie seit September an einer neuen Arbeitsbegleitenden Maßnahme (AbM) teil, die Erlebnis-Wald heißt. Und erlebt wird viel, wenn die neun sich mit den Gruppenleitern Bianca Nagel und Uli van Pee sowie Axel Dürr, Sozialdienst des FuB, in die Wälder in der näheren Umgebung auf den Weg machen.

„Angefangen hat alles im Mai mit einem Tag bei Waldpädagoge Jonas Schäfer im Mainhardter Wald“ erinnert sich Uli van Pee. Van Pee – selbst Privatwaldbesitzer – ist bei einem seiner Kurse am forstlichen Bildungszentrum in Karlsruhe über das Ausbildungsangebot zum Waldpädagogen gestolpert und war gleich interessiert. Als dann Axel Dürr und Sarah Mattern von ihrem Bekannten Jonas erzählten, war schnell die Idee des Ausflugs geboren.

„Eigentlich wollten wir schon lange etwas in Richtung Umwelt- oder Erlebnispädagogik machen,“ blickt der Gruppenleiter zurück, „aber irgendwie hat es sich nie ergeben. Dann kam der 17. Mai im Mainhardter Wald und wir hatten so etwas wie ein Aha-Erlebnis.“ Danach ging es ganz schnell. Die Entscheidung fiel, selbst eine AbM anzubieten. Sie sollte aber auch gleich bereichsübergreifend sein. Also nicht ausschließlich für Personen aus dem FuB, sondern auch aus dem Arbeitsbereich. Mit Bianca Nagel war bald eine Gruppenleiterin aus dem Arbeitsbereich gefunden, die sich ebenfalls dafür begeistern konnte.

Für alle, die nicht so recht wissen, wie man sich Waldpädagogik vorstellen kann, gibt Uli van Pee einen kleinen Einblick, was bei den Besuchen im Wald passiert. Man merkt, dass van Pee Feuer und Flamme für das Angebot ist, auch wenn es anstrengender ist, als der normale Arbeitsalltag. Im Wald ist mehr Unterstützung notwendig, aber dadurch ist es auch sehr viel intensiver. Van Pee erzählt voller Begeisterung von Marco und Semi. Marco lässt normalerweise alles etwas ruhiger angehen und nutzt gerne jede Gelegenheit, sich hinzusetzen und auszuruhen. Ist ihm etwas unangenehm oder nicht geheuer, dann verweigert er sich schon auch mal. Semi dagegen ist gerne unterwegs, aber unebene Wege machen ihm große Schwierigkeiten. Und dann der erste Besuch im Wald: Der Weg in den Wald ist nur ein kleiner Pfad, der matschig und uneben ist. Trotzdem gehen Marco und Semi mit hinein.

Raus aus der Komfortzone

Im Wald werden verschiedene Aufgaben und Übungen gemacht. Wie zum Beispiel die Übung ‚Baum fühlen‘: Einer Person werden die Augen verbunden und dann wird sie an einen Baum geführt, den sie blind abtasten soll. Anschließend wird die Binde abgenommen und anhand der Struktur, die erfühlt wurde, soll der Baum wiedererkannt werden. „Jetzt muss man wissen, dass Augen verbinden immer schwierig für die FuBler ist,“ erklärt van Pee. Nachdem die Gruppenleiter unter den interessierten Blicken von Marco und Semi die Übung vorgemacht haben, erklärt Marco sich trotzdem bereit, sich auch die Augen verbinden zu lassen und es auszuprobieren. „Das ging dann zwar nur eine Minute, aber dass er überhaupt den Mut gefasst hat und über seine Grenzen, aus seiner Komfortzone hinausgegangen ist, das ist ein riesen Erfolg“ freut sich der Gruppenleiter. Genau das wollen wir mit der Waldpädagogik erreichen: dass sich die Menschen trauen, ihre gewohnte Komfortzone zu verlassen und sich Dinge zutrauen, die im normalen Alltag nicht denkbar sind,“ fährt er fort.

Der Ansatz dahinter ist, eigene Grenzen zu überwinden und dadurch Neues zu lernen. Darum gibt es noch viele andere Übungen. Wie zum Beispiel die Duftspur. Wildschweine, lernen die Teilnehmer, riechen wie Maggi. Darum legt Jonas mit der Maggi-Flasche in der Hand eine Duftspur und alle müssen querfeldein durch den Wald der Spur folgen. Danach kommt die Tiersuche an die Reihe. Fuchs, Specht, Kauz und alle möglichen Tiere, die im Wald wohnen, werden entweder als Holzfigur oder als Ausdruck aus dem Internet im Wald versteckt und müssen gefunden werden. Die Sucher stellen schnell fest, dass die Tiere durch ihr Fell oder ihre Federn ziemlich gut getarnt sind und nicht direkt am Wegesrand auf sie warten. Plötzlich sagt Semi „ich will“ und geht alleine in den Wald hinein und kommt mit dem Fuchs wieder. „Mich hat das fasziniert. Vorher hatte er so oft Schwierigkeiten mit dem Gehen auf unebenem Gelände und dann geht er von sich aus in den Wald hinein und will das machen,“ staunt Uli van Pee noch heute. Neue Forschungen haben bewiesen, dass Bäume nicht nur untereinander Botenstoffe austauschen, sondern dass diese Stoffe sich auch positiv auf Körper und Seele bei Menschen auswirken. Das könnte eine Erklärung für die positiven Veränderungen sein, denn die Gruppenleiter können bei den Teilnehmern inzwischen ein verändertes Körpergefühl, eine bessere Selbstwahrnehmung feststellen.

"Rituale sind wichtig“

Zuviel Veränderung auf einmal soll aber auch nicht sein. Auch Rituale sind wichtig. So hat es sich inzwischen eingespielt, dass jeder Besuch im Wald mit einem Begrüßungsritual beginnt. Jeder Teilnehmer sucht sich am Anfang „seinen“ Baum aus. Der wird begrüßt, befühlt wie er sich anfühlt. Wer mag, kann auch die Augen zu machen oder den Baum umarmen. Zum Ende des Besuchs sucht jeder nach „seinem“ Baum und verabschiedet sich wieder. Die „Fühlsäckchen“ sind ebenfalls eine immer wieder kehrende Übung. Alte Socken – saubere, natürlich – werden zu kleinen Säckchen umfunktioniert. Jeder darf sich dann im Wald Dinge suchen, die er da hineinpacken kann. Die anderen müssen durch abtasten erraten, was es sein könnte. Damit es nicht zu schwer wird, wird zu jedem Teil ein Gegenstück auf einem Laken ausgelegt. Durch die Wiederholung tritt ein Lerneffekt ein, denn wenn es zu viele unterschiedliche Reize gibt kann das zu Überlastung führen. Darum sind auch die Gruppenleiter bei der Waldpädagogik ganz anders gefragt, denn sie müssen flexibel erspüren, was in diesem Moment das Richtige für den Einzelnen ist. Das macht es aber auch so besonders.

Wenn man Uli van Pee zuhört merkt man, dass sein Herz dafür brennt und darum ist der nächste logische Schritt für Ihn, bis 2019 selbst das Zertifikat zum Waldpädagogen abzulegen und auch in Zukunft diese AbM anzubieten. Langfristig dann vielleicht auch mit Teilnehmern aus der Reha-Werkstatt. Denn gerade davon, dass das Angebot bereichsübergreifend ist, kommen auch sehr viele positive Effekte, erzählt van Pee. „Wir haben festgestellt, dass die Teilnehmer aus dem Arbeitsbereich mehr Wissen mitbringen und auch verarbeiten, zum Beispiel über Pilze oder über Rehe. Andererseits haben wir gemerkt, dass die Leute aus dem FuB – also Menschen mit mehrfach körper- und geistiger Behinderung – oft mutiger sind, wenn es darum geht, etwas Neues auszuprobieren, wie zum Beispiel über einen Baumstumpf zu balancieren.“


Gegenseitige Unterstützung

Letzen Endes lebt die AbM aber davon, dass sich alle gegenseitig anspornen und unterstützen. Dadurch entsteht ein neues Gruppengefühl. Was wiederum dazu führt, dass eigene Grenzen überwunden werden: Als es darum ging auf einen abgesägten Baumstumpf zu klettern, wollten zunächst nur die Teilnehmer aus dem FuB. Den Leuten aus dem Arbeitsbereich war es nicht geheuer. Als dann aber die FuBler erfolgreich wieder unten waren, kam Alex doch aus dem Rollstuhl heraus und hat sich auf den Stamm getraut. Am Schluss hat sich sogar Thomas überwunden und als er dann oben stand, war er so stolz und hat sich so gefreut, dass er lauthals „Mein Freund der Baum, mein Freund der Baum“ schmetterte.