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"Wir schreiben Geschichte"

Nach 6 Jahren, 80 Arbeitsstunden und 450 Kilometern war es soweit: nun hieß es endgültig Abschied nehmen von der RIXE RS50


Sie erinnern sich? Die Rixe ist das Moped, das während einer Arbeitsbegleitenden Maßnahme (AbM) von Beschäftigten der Betriebsintegrierten Arbeitsgruppe (BIAG) bei der Firma Benseler in Markgröningen restauriert wurde. Ende Februar haben sich zwei der beteiligten Beschäftigten, Denis Bölükbasi und Rudi Göttler sowie Gruppenleiter Oliver Lang auf den Weg nach Einbeck gemacht.

In Einbeck fand am 20. Februar 2018 die offizielle Übergabe der Preise an die Gewinner der Oldtimerspendenaktion statt. Die Spendenaktion wird seit über zwanzig Jahren von der Lebenshilfe Gießen organisiert. Jeder Spender erhält pro 5 Euro Spende eine Losnummer und immer Ende Januar werden aus diesen Losnummern die Gewinner gezogen. Als Preise werden Oldtimerschätze verlost, die der Lebenshilfe Gießen gespendet wurden. So wie die Rixe aus dem Jahr 1959.

Als Oliver Lang bei der Veterama – eine Oldtimermesse – auf Reinhard Schade und Tina Gorschlüter zuging, waren diese erst einmal verblüfft.  Oldtimer als Spende wurden den beiden Organisatoren der Oldtimerspendenaktion schon oft angeboten, aber dass eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung etwas an die Lebenshilfe spendet, das hatten sie noch nie. Das hatten sie einfach nicht erwartet. Darum war es selbstverständlich für Schade und Gorschlüter, dass zumindest ein paar Vertreter dabei sein müssen, wenn die Rixe an den oder die Gewinner übergeben wird.

Im Januar 2018 flatterte dann die Einladung ins Haus und so kam es, dass die drei Herren Lang, Göttler und Bölükbasi sich mit dem Zug auf den Weg nach Einbeck machten. Nach fünfeinhalb Stunden „problemloser Fahrt“ wie Oliver Lang berichtet, kamen sie im Hotel an, bezogen kurz ihre Zimmer und gleich ging es wieder los zu einem gemeinsamen Essen mit Tina Gorschlüter, Reinhard Schade, einigen anderen von der Lebenshilfe Gießen, ein paar Gästen aus dem Saarland sowie Det Müller, dem Moderator von RTL, der am kommenden Tag die Preisverleihung moderieren sollte.

Beim gemütlichen Abendessen wurde geplauscht und viel gefachsimpelt über die Restauration von alten Fahrzeugen. Die Saarländer „waren sehr angetan von dem, was wir da machen. Einer hat mir gleich seine Karte in die Hand gedrückt und gesagt ‚wenn Ihr irgendwas braucht, ruft mich an, ich besorge Euch das,‘“  erzählt Oliver Lang. Die beiden Gäste aus dem Saarland suchen immer wieder Autos für die Lebenshilfe und haben selbst einen VW-Bus restauriert, den es in einer anderen Verlosung noch zu gewinnen gab.

Am nächsten Morgen war genügend Zeit, sich den Veranstaltungsort anzuschauen.  Abgesehen von dem Raum in dem die Preisverleihung stattfand, befindet sich im PS.Speicher in Einbeck eine Erlebnisausstellung, die die Geschichte der Motorisierung seit dem 19. Jahrhundert in wechselnden Ausstellungen präsentiert. Das ist für Hobby-Schrauber natürlich ein Muss. „Die Oldtimer waren schön,“ erzählte Rudi Göttler später.


Endlich ist es soweit: die Preisverleihung beginnt

Ab 12 Uhr war es endlich soweit. Die Preisverleihung der 23. Oldtimerspendenaktion 2017 der Lebenshilfe Gießen konnte beginnen. Moderator Det Müller führte locker durch das Programm und endlich wurde der 8. Preis, die Rixe, an den neuen Besitzer übergeben. Dazu durften die drei Bastler aus den Theo-Lorch-Werkstätten nicht fehlen: gemeinsam mit Reinhard Schade übergaben sie das Moped an Jürgen Fischer aus Augsburg. Der wird das Moped an seinen Sohn weitergeben. In Zukunft wird die Rixe – zumindest im Sommer – für die Fahrt zu dessen Arbeitsplatz eingesetzt. Oliver Lang findet das gut. Der gelernte KFZ-Mechaniker ist der Meinung „auch  Oldtimer müssen gefahren werden. Es heißt schließlich Fahrzeug und nicht Stehzeug.“

Nach ein paar gemeinsamen Erinnerungsfotos war der Moment auch schon wieder viel zu schnell vorbei und nun hieß es wirklich endgültig „Tschüss“ sagen. Rudi Göttler sah das aber ganz pragmatisch. Auf die Frage, ob es ihm schwerge-fallen wäre, die Rixe herzugeben antwortete er lapidar „Mein Moped ist es ja nicht.“

Vielleicht fiel es ihm auch deshalb leicht, da durch einen Bericht über die Restauration der Rixe, ein Marbacher auf Oliver Lang zukam.  Er habe da eine Victoria, die zu restaurieren sei, ob die Theo-Lorch-Werkstätten das übernehmen könnten? Als Oliver Lang verneinen musste, da keine Restaurationen als Lohnaufträge angenommen werden können, bekam er die Victoria aus dem Jahr 1956 einfach geschenkt. Diese wird inzwischen zwar in den Räumen der Theo-Lorch-Werkstätten restauriert, aber nicht mehr als AbM. Oliver Lang bietet gemeinsam mit Gabi Hanke die Restauration alter Mopeds jetzt ehrenamtlich als Kurs bei der Lebenshilfe an: „Wir haben einen Vertrag mit den Theo-Lorch-Werkstätten geschlossen und dürfen alle vier Wochen freitagnachmittags ab drei Uhr dort arbeiten. Da schaffen wir dann so bis sieben Uhr und dann essen wir noch gemeinsam,“ erklärt Oliver Lang was sich verändert hat. Für ihn hat das den Vorteil, dass man in vier Stunden einfach mehr schaffen kann, als in den zwei, die bei der AbM zur Verfügung standen. „Außerdem könnten wir das im laufenden Arbeitsbetrieb gar nicht machen. Das ging zwar bei Benseler, da dort genügend Raum war, aber am Standort Ludwigsburg wäre das schwierig.“

Unabhängig davon, ob die Restauration im Rahmen der AbM oder als Kurs bei der Lebenshilfe stattfindet, auch die Victoria wird ein neues Leben bei der Oldtimerspendenaktion bekommen. Die Lebenshilfe Gießen hat die Restaura-toren zu einer Oldtimerrallye Anfang Juni nach Gießen eingeladen. Da fahren voraussichtlich nicht nur die Bastler, sondern auch die Victoria hin. In der Spendenaktion 2019/2020 wird sie dann der Rixe folgen.

Die Aktion wird sicher ebenso erfolgreich wie 2017/2018: insgesamt kamen bei der Spendenaktion 1.120 000 Euro für die Lebenshilfe Gießen zusammen. Der Erlös wird dieses Jahr für die Erweiterung und Sanierung einer Wohnstätte für Menschen mit Schwerstbehinderung verwendet. Ein schönes Gefühl, dass die Theo-Lorch-Werkstätten mit einer AbM ein wenig dazu beitragen konnten. Oder wie Reinhard Schade zum Abschied ausdrückte: „Wir schreiben Geschichte“ – so ungewöhnlich war es für ihn, dass Menschen mit Behinderung für Menschen mit Behinderung etwas spenden.

P.S.: Wer selbst gerne Gutes tun und gleichzeitig die Chance auf einen Oldtimergewinn
haben möchte, unter https://www.oldtimerspendenaktion.de finden Sie alle Infos.

Danke an Tina Gorschlüter und Reiner Schade. Die letzten vier Bilder in der Bildergalerie veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Lebenshilfe Gießen.