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Leitbildschulung inklusiv

Abstrakte Dinge in leichter Sprache zu vermitteln kann spannend aber auch lustig sein. Wie funktioniert so etwas zum Beispiel bei einem Leitbild? Ein Selbstversuch.


Einer nach dem anderen betritt den Konferenzraum. Je nach Temperament fröhlich erzählend, ruhig und zurückhaltend, manche auch etwas aufgeregt, was sie heute erwartet. Ehrlich gesagt bin ich auch sehr gespannt. Nicht wegen des Themas „Leitbild.“ Es ist auch nicht meine erste Schulung. Aber es ist meine erste inklusive Schulung: Acht Männer und Frauen, davon sechs Beschäftigte und zwei Mitarbeitende sollen heute gemeinsam erarbeiten, was das Leitbild der Theo-Lorch-Werkstätten für sie bedeutet.

Verena Eng, Trainerin des ABL-Berufliche Bildung, leitet die Schulung und erläutert zu Beginn ein paar organisatorische Dinge. Zum Beispiel, ob wir uns alle duzen wollen oder siezen. Wir entscheiden uns für das Du. Einen ganzen Arbeitstag werden wir uns jetzt mit dem Leitbild beschäftigen.

Wir starten mit der Frage, worum es bei der Schulung geht. Jens weiß es sofort. „Die Schulung heißt Leitbild. Leitbild, das sind Regeln, an die sich alle halten sollen.“ Im Laufe des Vormittags schauen wir uns die einzelnen Sätze an und überlegen uns, was das für uns oder die Theo-Lorch-Werkstätten bedeutet. Es wird aber auch über die Gesellschaft gesprochen. Eine Teilnehmerin findet, wenn alle Menschen gut mit einander umgehen würden, dann bräuchte man kein Leitbild. 

Nach dem Mittagessen schauen wir uns gemeinsam das Leitbild auf der großen Tafel im Eingangsbereich an. Uschi erklärt, um was es beim ersten Bild des Leitbildes geht: „Zusammenhalt.“ Zeit für eine praktische Übung. Dafür gehen wir in den Innenhof. Jeder fasst den Rand eines großen runden Tuches und gemeinsam versuchen wir einen Ball mit dem Tuch so oft wie möglich nach oben zu katapultieren, ohne dass er auf den Boden fällt. Am Anfang klappt es noch nicht so gut und wir müssen den Ball oft wieder einfangen. Aber als wir uns umstellen, wird es immer besser und am Schluss schaffen wir siebzehn Würfe ohne Absturz. Wir lernen: nur wenn alle zusammen das Tuch spannen, wenn wir zusammen-halten, kann der Ball oben bleiben.


Jeder ist Einzigartig

Zurück im Konferenzraum sollen wir uns Karten aussuchen, auf denen unsere Hobbies abgebildet sind. Es stellt sich heraus, dass manche die gleichen Hobbies haben. Aber es gibt keine zwei Menschen im Raum, bei denen alles gleich ist. Jeder hat auch etwas, das sonst keiner hat. Verena fragt, auf welchen Satz sich das im Leitbild bezieht. „Wir nehmen jeden in seiner Einzigartigkeit wahr“. Darüber sind sich alle einig. Aber: Manchmal sei das gar nicht so einfach. Ralf stellt fest, dass es auch Menschen gäbe, die gar nicht bereit seien, Menschen, die anders sind, anzunehmen. Leider wahr.

Mit der nächsten Übung mache ich eine Zeitreise: Mehrfach verpackte und verschnürte Schokolade mit Messer und Gabel auspacken – das haben wir als Kinder oft gespielt. Allerdings machen wir es hier in einer verschärften Version: in Zweierteams bekommt der eine das Messer und der andere die Gabel. Die andere Hand darf nicht verwendet werden. Am schlimmsten ist aber: wir dürfen nicht sprechen! Für jemanden dessen Arbeit die Kommunikation ist, ist das wirklich eine Herausforderung. Gemeinsam mit Uschi lege ich los und muss feststellen, es ist wirklich sehr schwer, ohne Worte dem anderen zu vermitteln, was man möchte. Am Ende klatschen wir uns begeistert ab, weil wir es doch geschafft haben und haben die Lektion gelernt: man muss sich Zeit nehmen und aufeinander aufpassen, ohne Teamarbeit funktioniert nichts.

Der Arbeitstag geht langsam zu Ende. Mit dem alten Spiel „Stille Post“ erfahren wir, wie wichtig es ist, dass jeder die richtigen Informationen bekommt und vor allem, dass jeder die Information so bekommt, wie er sie auch verstehen kann.


Wie stellt man ‚Qualität‘ spielerisch dar?

Zum Abschluss kommt noch das Thema Qualität und ich bin gespannt, wie Verena uns das näherbringen will. Die Lösung ist so einfach wie gut. In drei Gruppen aufgeteilt bekommt jede Gruppe eine Box mit Legosteinen und soll daraus ein Haus bauen. Es wird wieder lustig und am Ende sehen wir, dass kein Haus dem anderen gleicht. Aber darum geht es nicht. Die Hauptsache ist, dass keines der Häuschen zusammenbricht, weil es nicht gut gebaut ist. Das haben wir alle geschafft!

Die Schulung ist vorbei und jeder darf noch mit blauen Punkten zeigen, ob sie ihm gefallen hat oder nicht. Es überrascht mich nicht, dass die Rückmeldungen sehr positiv sind. Es war wirklich ein abwechslungsreicher Tag. Auch wenn wir nicht jeden einzelnen Satz bis ins Detail analysiert haben, haben wir viel über das Leitbild gelernt. Vor allem haben wir auch viel über die Kollegen gelernt und Dinge erfahren, die im Arbeitsalltag selten zur Sprache kommen. Für mich persönlich war es schön zu erfahren, dass das Leitbild nicht nur eine Tafel ist, die am Eingang hängt, sondern dass es lebt und dass die Leute einen Bezug dazu haben.


INFO: Der ABL-Berufliche Bildung bietet die Schulung jedes Jahr an. Teilnehmen können acht Personen, davon maximal zwei Mitarbeitende. Dieses Jahr haben bereits alle Schulungen stattgefunden, aber nächstes Jahr wird es wieder neue geben und wir können sie wirklich nur empfehlen.

Die Schulungen des ABL - Berufliche Bildung werden im jährlich erscheinenden Schulungsheft veröffentlicht, das Sie hier als PDF herunterladen können.