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Jahresrückblick 2018

Interview mit Geschäftsführer Stefan Wegner, Joachim Knoll, Verwaltungsleiter und Jochen Spahr, Pädagogischer Gesamtleiter der Theo-Lorch-Werkstätten.

Liebe Leserinnen und Leser,

knapp eine Stunde haben sich die Mitglieder der Leitungskonferenz (LK) genommen, um Rede und Antwort zu stehen über das vergangene Jahr und wie es 2019 weitergehen wird. Herausgekommen ist ein dicht gepacktes Interview mit Einsichten und Aussichten. Es ist uns bewusst, dass es viel Text ist, trotzdem wollten wir Ihnen das nicht vorenthalten.


Isabell Brando (IB): Wie waren die vergangenen 16 Monate?

Jochen Spahr (JS): von Anfang an von Dynamik geprägt. In der Zeit, als Herr Vonhoff sich verabschiedet hat, haben wir manches nicht mehr so dynamisch vor uns hergetrieben. Es ist ein normaler Vorgang, dass ein scheidender Geschäftsführer dem Nachfolger die Möglichkeit lassen will, eigene Akzente zu setzen. Herr Wegner hat das dann auch gerne angenommen und in seiner tatkräftigen Art die Themen gleich angepackt.

Stefan Wegner (SW): Es war Herrn Vonhoff wichtig, dass er nicht noch neue Dinge anstößt, sondern er hat immer in seiner verschmitzten Art gesagt, ‚Herr Wegner, das können Sie dann machen‘.

JS: Das erste viertel Jahr war dadurch geprägt, dass Herr Wegner für viele nicht so richtig sichtbar war. Durch den Einarbeitungsplan war er viel von einem Termin zum anderen unterwegs.

SW: Unter anderem mit vielen Aufsichtsratssitzungen, Antrittsbesuche beim Landkreis, bei Industriekunden, der Kirche und allem was dazu gehört.  Es lief viel parallel: Die Aufgaben im Operativen gleich aufnehmen zu müssen und sich gleichzeitig neu einzuarbeiten in die Komplexität der Theo-Lorch-Werkstätten. Dazu dann viele neue Menschen kennenzulernen und einzuordnen a) welche Funktion haben sie und b) wie kann ich sie ansprechen, wie darf uns soll ich sie einbinden?

IB: Hätten Sie sich gewünscht, dass es eine längere Übergangszeit gibt?

SW: Nein. Aber ich fand es extrem positiv, dass man sich hier so viele Gedanken im Vorfeld gemacht hat, wie der Stabwechsel stattfinden soll. Eine Überdeckung von einem Monat, das war dann sehr gut.
JS Wir hatten zwei, drei Themen, die wir trotzdem gleich relativ forsch angehen mussten. EUTB [Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung; Anm. d. Red.] war gerade mittendrin und die Vergütungssatzverhandlungen waren kurz vor dem Abschluss

SW: …und der Brandschutz für den Standort Bietigheim. Ich war gerade mal 6 Wochen da, als Herr Knoll zu mir gesagt hat: ‚So Herr Wegner, unterschreiben Sie bitte den Antrag über 1,5 Millionen‘

Joachim Knoll (JK): Ich hatte viele Dinge, die bereits liefen. Deshalb habe ich den Einstieg wahrscheinlich anders wahrgenommen als Herr Wegner und Herr Spahr. Einerseits habe ich völlig unterschätzt, wie viel Zeit die Einarbeitung eines Geschäftsführers in Anspruch nimmt. Andererseits musste ich trotzdem dafür Sorge tragen, dass nichts stockt, sondern dass es im gleichen Tempo weitergeht. Dann kommen natürlich noch neue Themen dazu. Darum war das vergangene Jahr eine große Herausforderung. Damit die Qualität unserer Arbeit nicht leidet, werden wir da sicher für die Zukunft etwas verändern müssen.

IB: Spielte da auch die Umstrukturierung der Produktion eine Rolle?

JK: Nein, eigentlich nicht. Die Themen der Produktion hatten wir bereits seit langem als Handlungsfelder erkannt und wir wussten, dass wir diese zwingend bearbeiten müssen.  Die Personalverhandlungen, inklusive Vergütungssatzverhandlungen, haben sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Das hört aber bei den Verhandlungen nicht auf. Sobald diese abgeschlossen waren, mussten in der Folge die Stellen besetzt werden und damit kamen zwangsläufig auch wieder viele Fragen auf, für die man präsent sein musste. So schön es für alle Beteiligten war, es war mit viel Arbeit verbunden.

IB: Ist das eine der größten Veränderungen für Sie, dass wir jetzt eine Größe erreichen, wo nicht mehr jeder jeden kennen kann? Schlägt sich das in der Unternehmenskultur nieder?

JS: Das wird von Jahr zu Jahr mehr spürbar, z.B. bei den Weihnachtsfeiern. Das hat sicherlich mit der Größe des Unternehmens zu tun. Ich versuche ja nach wie vor viel vor Ort zu sein, aber wenn man sich vornimmt, nicht nur bei Besprechungen präsent zu sein, sondern sich auch noch zu zeigen, dann ist das inzwischen zeitlich wirklich schwierig machbar. Herr Wegner, das haben Sie ja auch gemerkt, bei allen guten Vorsätzen.

JK: In meinem Bereich muss man inzwischen Unmengen an Papier wälzen. Eigentlich hat die Bundesregierung gesagt hat ‚wir wollen immer mehr vereinfachen‘ aber trotzdem kommen immer neue Umfragen, die man ausfüllen soll, so dass man sich manchmal fragt „wer will denn das jetzt noch wissen?“

IB: Also auch unabhängig vom Geschäftsführer-Wechsel heißt das, das Rad dreht sich immer schneller.

SW: Das Bundesteilhabe-Gesetz (BTHG), das treibt uns schon. Jetzt kommen die Stufen 1,2,3 und so geht es ja fort. Die Sorge, das Unternehmen auch immer Gesetzes-up-to-date zu haben, es zu führen und aufzustellen, ist schon eine Sache, die einen umtreibt. Daneben kommen ja auch – unabhängig vom BTHG – immer mehr Veränderungen der Klientel und der Rahmenbedingungen. Die Beschäftigten ändern sich, es ploppen neue Themen auf wie „Junge Wilde“ – immer rmehr. Psychische Erkrankungen – immer mehr. Doppeldiagnosen – immer mehr. Autismus-Spektrums-Störungen, da müssen wir uns was einfallen lassen und so sind Themen da, die wir uns nicht suchen, sondern, die auf uns zukommen und auf die wir reagieren müssen.

IB: Als das BTHG startete hatte man das Gefühl, dass niemandem – inklusive dem Gesetzgeber – so richtig klar, was es sein soll. Hat sich das verbessert, haben Sie jetzt Leitplanken? Oder versuchen Sie einfach das Beste daraus zu machen?

JS: Also was die Werkstätten angeht ist es – glaube ich – immer noch sehr nebulös, wenn es darum geht konkret erkennen zu wollen, was auf uns zukommt. Wir haben gestern Dobrick und Wagner im Haus gehabt [Die Firma, die die Software entwickelt, mit der die Arbeiten der Gruppenleiter dokumentiert werden können Anm. d. Red.] Die haben das auch noch einmal bestätigt: sie sind getrieben vom BTHG. Sie müssten eigentlich ihre Software so anpassen, dass sie konkurrenzfähig sind, aber sie sagen auch, wir wissen noch nicht so recht was wir tun sollen. Also da hat sich der Nebel noch nicht so weit gelichtet, dass man mit einem guten Gefühl in das nächste Jahr gehen kann. [Allgemeine Zustimmung]

JK: Wir haben ein neues Gesetz und alles was bisher mit Eingliederungshilfe zu tun hatte, wird nun versucht, durchzuschreiben auf das, was zukünftig gilt. Das heißt, im Moment hat gar keiner den Blick für die Beschäftigten. Wir sind alle damit beschäftigt, das Gesetz auf der Verwaltungsebene umzusetzen. Das Thema Personenzentrierung steht im Moment – bei all den Fachtagungen, die ich besucht habe – nicht im Fokus. Es geht darum, wie wir das neue Gesetz mit den Veränderungen zu den Themen Grundsicherung und Fachleistungen gestemmt bekommen. Allgemeines Nicken].
JS Was zu den Wohnheimen gerade konkret diskutiert wird, da ist man schon einen wesentlichen Schritt weiter, glaube ich.

IB: Ist das dann eines der Dinge, die sich langfristig verändern sollen?

JS: Das wird sich in dem Moment, in dem es die ersten Durchführungsverordnungen gibt, in einer Dynamik entwickeln, dass man aufpassen muss, dass es einen nicht überrollt.

IB: Was bedeutet Durchführungsverordnung?

JS: Dass es nicht nur nebulöse Vorstellungen gibt von dem, was kommen soll, sondern konkrete Ausführungen, wie ein Gesetz umzusetzen ist. Zum Beispiel, dass Bedarfsbemessungsinstrumente (BEI) nicht nur in der Erprobung sind. Das wird im Moment gerade im Landkreis hier erprobt an ein paar Fällen. Das sind Kinder, Jugendliche, Schüler, Erwachsene, Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung, - das heißt, da ist vielleicht einer aus unserem Bereich darunter. Und daraus versucht man dann abzuleiten, wie es dann wirklich wird. Das wird spannend.

IB: Was passiert konkret in der Erprobungsphase?

JS: Es wird versucht, die Bedarfe mit BEI so darzustellen, dass man das nachher auch tatsächlich in eine Leistungsvereinbarung ummünzen kann.

SW: Ich habe es so verstanden, dass man versucht, ein sehr individuelles, passgenaues Paket aus den gesamten sozialen Angeboten im Landkreis oder auf Bundesebene zu zurren. Das ist ein sehr mächtiges, viele Seiten umfassendes Papier, bzw. eine Datei, wo man eine sehr ausführliche Anamnese und Rahmenbedingungenfeststellung so durchführt, dass schlussendlich klar ist: Dieser Mensch braucht genau diese passgenauen Angebote.

IB: Kann ich mir das so ähnlich vorstellen, wie hamet (s. Bericht Ausgabe 02/2018)  nur noch größer?

SW: Ja, aber viel weitreichender. hamet prüft eher die motorischen Fähigkeiten: Kann jemand dreidimensional denken, kann er links rechts unterscheiden, wie schnell kann er eine Schraube reindrehen: Das ist hamet. Tatsächlich geht es aber auch darum, ob er lebenspraktisch fähig ist. Kann er selbst einkaufen, von A nach B kommen? Das hat noch eine andere Zielrichtung: es geht nicht nur um das, was kann jemand, sondern welche Angebote der Leistungserbringer braucht dieser Mensch individuell.

JS: Da gibt es bis jetzt nur ein kleines Papier, was sich mit Werkstatt beschäftigt, das ist insgesamt aber viel mächtiger. Da geht es auch um Lebensumstände – unter anderem darum, wie die Menschen im Gemeinwesen integriert sind.

SW: Sozialraumorientierung wäre hier das Stichwort. Die Idee finde ich an und für sich gut, aber es ist ein so mächtiges Instrument. Das stellt sich mir die Frage: Wie schafft man, a) es durchzuführen und b) wie wird es umgesetzt?

IB: Und wer sammelt die Daten?

JS: Das Verfahren ist noch nicht festgelegt. In der Verantwortung sind jetzt gerade die Sozialarbeiter vom Landkreis. Aber auch das ist noch nicht abschließend festgelegt.

IB: Das wird nicht das Einzige sein, was uns langfristig beschäftigen wird?

JK: Eine ganz konkrete Auswirkung des BTHG wird für die Beschäftigten ab dem 01.01.2020 spürbar sein; ab da müssen wir die Kosten für das Mittagessen anders abrechnen. Ein Teil läuft auf Grundsicherung und ein Teil auf Eingliederungshilfe/Fachleistung. Aktuell sind wir dabei, die Kosten für ein Mittagessen zu berechnen. Das ist nicht nur der reine Einkauf, da gehört ja auch noch der Rest dazu:  dass es ausgeteilt wird, dass hinterher gespült wird. Mit allem zusammen liegen wir gerade bei ca. 6 Euro am Tag. Das könnten wir über die Gehaltsabrechnung über den Lohn einziehen. Aber was passiert, wenn die Beschäftigten sagen, ‚jetzt muss ich 5 oder 6 Euro bezahlen, dann ess ich nicht mehr hier.‘?Alles was bisher als selbstverständlich erachtet wird, bricht dann plötzlich aus dem Alltag raus und die Frage ist, wie gehen die Leute damit um?

IB: Das heißt dann aber, die Beschäftigten würden über die Grundsicherung mehr Geld bekommen?

JK: Nein, das ist die Krux an dem ganzen System: wir haben einen Teil, der läuft Richtung Grundsicherung, also über einen anderen Kostenträger und wir haben einen Teil, der läuft in Richtung Fachleistungsstunden, da bleibt der Kostenträger der gleiche wie bisher.

IB: Heißt das dann am Ende bleibt weniger in der Tasche?

JK: Nein, das heißt, sie müssen einen Teil der Grundsicherung selbst bezahlen und bekommen das dann vom Amt wieder zurück. Das wird ein Hin und Her der Bestandteile. Für mich stellen sich mehrere Fragen: 1. Isst der Beschäftigte dann noch bei uns, wenn er selbst zahlen muss? 2. Wie stellt man die Versorgung sicher, vor allem in welcher Qualität? Ich glaube, da kommen völlig neue Themen um die Ecke. 3. Wie bekommen wir das Geld? Im FuB müssen wir das Getränkegeld heute bereits weiterberechnen und bekommen es teilweise nicht eingetrieben. Zum einen haben wir nachher in der Finanzbuchhaltung eine Vielzahl an zusätzlichen Rechnungsempfängern, zum anderen müssen wir das Geld eintreiben. Damit haben wir einen deutlich höheren Aufwand.

IB: Aber nochmal die Frage: Für den Beschäftigten bleibt es kostenneutral?

SW: Eine Verschlechterung gibt es da nicht.
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JK [zögert] Ich bin mir da noch nicht so ganz sicher, wie es dann mit der Fachleistungs-stunde ist. Ich sehe noch nicht ganz klar, wie das dann unter dem Strich ablaufen soll.

SW: Aber es wäre gegen die Intension des Bundesteilhabegesetzes. Man versucht im BTHG den Beschäftigten zu stärken, auch mit der Anhebung der Freigrenzen, der Einkommens- und Vermögensfreigrenzen. Das würde dieser Intension widersprechen. 

JK: Ja, das wäre aber nicht das erste Gesetz, wo das so ist. Man versucht etwas umzusetzen und dann geht es nach hinten los. Es wird einfach spannend, was in der Theorie erarbeitet wurde, in der Praxis umzusetzen. Uns muss klar sein, dass wir viele Ressourcen dafür brauchen werden, wenn es zum 01.01.2020 dazu kommt. Im Moment weiß noch keiner, wie die Umsetzung stattfinden soll. Wir brauchen ganz vorne einen Rahmenvertrag. Der wird auf Landesebene gerade verabschiedet.
Das müssen wir anschließend auf der Basis unsere Leistungsvereinbarung, die wir mit dem Landkreis haben, wieder überarbeiten. Daraufhin müssen wir schauen, was mit dem Vergütungssatz ist und dann müssen wir zum guten Schluss schauen, wie wir das mit der Abrechnung machen. [Allgemeine Zustimmung]


SW: Noch einmal zu den weiteren großen Themen neben dem BTHG: Dem Thema Personenzentrierung wollen wir uns noch einmal nähern, das ist die Hauptüberschrift. Die Veränderungen der Klientel, da wollen wir konzeptionell noch mehr tun. Die Ressourcen, das Know How, das wir in der Firma haben, das wollen wir mehr nutzen. Wir haben dieses Jahr darauf hingearbeitet, dass es die Fachabteilung ‚Jobcoaching und Vermittlung‘ gibt. Da steht die Idee dahinter, den Bereich „Vermittlung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt“ noch mehr zu stärken. Sowohl fachlich als auch strukturell. Es muss uns gelingen, dass wir für die Menschen, die bereits da sind, aber auch für die neuen Klienten, fachlich noch mehr zuzulegen. Immer wieder kommen Konzepte aus den Fachbereichen - darüber bin ich ganz glücklich. Diese Impulse brauchen wir. Andererseits kommt dann das, was Herr Knoll sagt, dass es gerade so viele Themen sind, sodass wir in der Leitungskonferenz (LK) – leider – priorisieren müssen. Ob das Unterstützte Kommunikation ist, ob das Autismus-Spektrums-Störungen sind - da wird so viel Power reingesetzt, das ist toll.  Trotzdem müssen wir schauen, was wir umsetzen können. Wenn dann noch unser „kleines Thema“ [lächelt] ‚50 Jahre Theo-Lorch-Werkstätten‘ kommt und was sonst noch alles 2019 auf uns zukommt…

JS: Im Moment muss es darum gehen, dass man nicht ausschließlich große Konzepte auflegt, sondern dass man in einem kurzfristigen Bereich darauf reagiert, was auf einen zukommt. [Einhelliges Nicken]

SW: Auch einen Strategieworkshop haben wir im Februar 2018 begonnen, der sich Strategie 2025 nennt. Es geht darum, einen Sieben- beziehungsweise Sechsjahres-Plan zu entwickeln, um grobe Richtungen zu fixieren und dann aus Visionen konkrete Handlungsziele und Umsetzungen abzuleiten. Da steckt viel Arbeit drin, was das ganze Unternehmen betrifft. Zum Beispiel haben sich alle Beteiligten gemeinsam entschieden, dass das Thema Mitarbeiterentwicklung und Mitarbeiterführung noch Potential hat. Von Seiten der Mitarbeitenden besteht großes Interesse, da Entwicklungen anzustoßen. In meiner Weihnachtsrede habe ich bereits angekündigt, dass wir 2019 diesen Prozess starten werden. Wie der genau aussieht, wissen wir noch nicht. Wir werden uns dazu externes Know How einkaufen, damit das auch wirklich gut und professionell begleitet wird. Ziel ist, dass dadurch alle Mitarbeiter im gesamten Unternehmen besser agieren können.

IB: Wir sind momentan auf der Verwaltungsebene. Wo geht es für die Beschäftigten hin?

SW: Zum Beispiel die Umbaumaßnahmen der Gruppen 234/235. Das ist nicht nur einfach eine reine Werterhaltung, sondern es wird konzeptionell neugestaltet.

JS: Das Thema Personenzentrierung war im Strategieprozess immer wieder im Mittelpunkt. Herr Knoll hat das mal so schön gesagt: Alles was wir tun, ob das Baumaßnahmen sind, ob das Teamentwicklungen sind, man muss sich immer fragen, warum man hier ist, mit welchem Auftrag wir hier sind und für wen wir tätig sind. Das ist Personenzentrierung. Wenn man sich das ein Stück weit immer wieder vor Augen hält, dann glaube ich, sind wir auch richtig unterwegs und richtig aufgestellt. Wir machen die Umbaumaßnahmen im Arbeitsbereich nicht aus einem Selbstzweck heraus, sondern weil wir Bedarf erkannt haben und dem gerecht werden müssen.

SW: Sowohl die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten als auch für die Mitarbeitenden zu verbessern, wird sich durch die weiteren Bauabschnitte und einzelnen Abteilungen an allen Standorten ziehen, nicht nur hier am Standort Ludwigsburg. Bietigheim bekommt eine immense Aufwertung. Das ist nicht nur simpler Brandschutz, sondern man hat viel mehr hineingepackt, so dass die Werterhaltung und die Verbesserung sowie die Verschönerung für viele Jahrzehnte wieder auf dem neuesten Stand ist. Auch In der Reha-Werkstatt ist seit dem Abbau der CNC-Maschinen mit der Umgestaltung des Arbeitsbereichs und mit dem Farbkonzept viel passiert, woran auch die Beschäftigten beteiligt waren.

JS: Wir haben ja auch im Förder- und Betreuungsbereich durch die Flurneugestaltung und die andere Farbgestaltung schon viel erreicht. Das ist insgesamt ein Bereich, der zwischenzeitlich ganz anders wirkt.

IB: Gibt es für nächstes Jahr auch kurzfristige Ziele? Was sind die größten Herausforderungen?

SW: Die Theo-Lorch-Werkstätten sind ein Dienstleistungsunternehmen. Das ist erst einmal nur ein Wort, das jetzt auch mit Leben gefüllt werden muss. Das fängt im Denken an und setzt sich im Tagesgeschäft fort. Wir müssen es schaffen in diesem sozialen Setting als Dienstleistungsunternehmen aufzutreten und verstärkt passgenaue Angebote für die Beschäftigten anzubieten. Mitarbeiterentwicklung werden wir – wie gesagt – 2019 auch angehen. Außerdem war es der LK und den Teilnehmern des Strategieworkshops wichtig, das diakonische Profil des Unternehmens zu schärfen. Was bedeutet das für uns? Da können wir sehr solide auf unserem Leitbild aufsetzen, das durch intensive Beteiligung aller Menschen bei den Theo-Lorch-Werkstätten entstanden ist. Das Leitbild finde ich persönlich auch sehr positiv. Damit haben wir eine gute Basis, um das Unternehmen noch mehr in diese Richtung auszurichten.

JS: Was uns auch beschäftigen wird im nächsten viertel Jahr, ist, was Herr Knoll am Anfang gesagt hat: Wir müssen schauen, dass wir uns so organisieren und so priorisieren, dass wir unter dem Strich noch handlungsfähig bleiben. Denn die Gefahr sehe ich schon auch: Wenn wir zu viel auf einmal wollen, dann erreichen wir am Ende vielleicht zu wenig, weil wir uns verzetteln.

IB: Noch einmal zum Diakonischen Profil. Ich überspitze es mal: Fachkräftemangel plus das Gerichtsurteil, dass bei Stellenbesetzungen die Konfession keine Rolle mehr spielen darf einerseits und das Diakonische Profil andererseits. Ist das kein Widerspruch?

SW: Ich würde sagen, das ist erst einmal kein Widerspruch.

JS: Aus meiner Sicht auch nicht.

SW: Das Gerichtsurteil sagt, dass es verboten ist, Bewerber „nur“ aus dem Nicht-vorhanden-sein einer Religionszugehörigkeit abzulehnen. Dem stellen wir uns. Trotzdem hat unsere diakonische Ausrichtung etwas mit Werten, mit Einstellung, mit Selbstbild und Menschenbild extrem viel zu tun. Wir brauchen Menschen, die entsprechend des Wertesystems der christlichen, der diakonischen Werte hier ins Unternehmen passen, damit wir auch tatsächlich das Unternehmen so gestalten können.

JK: Natürlich gibt es ein Gerichtsurteil. Aber ich glaube, wir müssen es anders herum denken: Wenn unser diakonisches Profil, wenn unsere diakonische Identität im Unternehmen spürbar für jeden ist und wir ein sauberes Miteinander finden im Sinne unseres diakonischen Weltbilds, dann ist das Gerichtsurteil auch nur marginal. Wir müssen an der Stelle auf uns schauen, dass wir eine diakonische Einrichtung sind, dass bei uns das christliche Weltbild das Führende ist. Wenn wir das im Unternehmen verankert haben, wenn wir da Mitarbeiter haben, die das spürbar machen, dann ist der Rest auch nicht dramatisch. Dann wird sich herausstellen, wie das in der Zukunft irgendwann einmal zueinander geht.

IB: Das heißt also im Umkehrschluss: Konfession ist egal, so lange man sich trotz allem noch im täglichen Leben auf die christlichen Werte verpflichten lässt?

SW: Dass das Thema Konfession egal ist, würde ich so nicht unterschreiben, sondern es ist nach wie vor erwünscht. Als Unternehmen haben wir Vorstellungen und Richtlinien, wie wir dieses Unternehmen führen wollen. Das ist legitim. Aber letztendlich ist das Gerichtsurteil bindend. Der Schwerpunkt liegt – und da stimme ich Ihrer Einschätzung zu – darauf, dass das Wertesystem des Bewerbers zusammenpassen muss mit unserem diakonisch-christlichen Grundverständnis.

JS: Und dass natürlich jemand, der das alles mitbringt, nicht automatisch jemand ist, der gute Betreuungsarbeit leistet, das ist uns ja auch klar. Da hat das eine mit dem anderen nicht immer zwingend miteinander zu tun, von daher muss man immer auf beides schauen. Auf das Selbstverständnis, das einer hat und aber auch auf seine Kompetenzen, die er mitbringt.

SW: Ergänzend möchte ich noch sagen, weil jemand in der Kirche angemeldet ist – egal ob evangelisch oder katholisch – heißt das nicht, dass er dann auch so lebt, wie wir das gerade besprochen haben. Ich habe noch ein anderes Thema: Sie haben vorher gefragt, was die größten Herausforderungen sind. Wir sprechen aktuell von viel Dynamik, viel Bewegung, Rahmenbedingungen, die sich verändern. Die größte Herausforderung und gleichzeitig der größte Wunsch von mir ist, dass es uns gelingt, die Mitarbeitenden – und damit meine ich alle – mitzunehmen. Mitzunehmen, dass sie sich damit identifizieren können, wenn wir hier und da den Kurs ein bisschen weiterführen oder Kursänderungen vornehmen. Dass sie uns als guten Arbeitgeber erleben und auch als ein Unternehmen, wo sie sagen können: „Ich bin stolz hier arbeiten zu können, ich finde die Entwicklungen gut und möchte dazu beitragen.“ Jetzt spreche ich von den Mitarbeitenden, das ist sozusagen Schritt eins. Wenn wir das hoffentlich geschafft haben, dann ist die nächste Herausforderung, dass das auch bei den Menschen mit Behinderungen – bei unseren Hauptkunden – so ankommt, dass sie sagen: „Das ist ein dufte Laden.“

IB: Haben Sie schon konkrete Pläne, wie das aussehen soll, das ‚Mitnehmen‘? Wie wollen Sie das erreichen?

SW: Das kann man natürlich nicht einfach anweisen oder sagen: „Jetzt pass mal auf, da haben wir eine neue Regel und das wird ab jetzt so gemacht.“ Schlimmer könnte man es nicht angehen. Ich habe die Hoffnung, dass wir durch Beteiligung und durch ein gemeinsames Erarbeiten der Richtung eine Identifikation mit dieser Linie erreichen. Analog zu dem Strategieprozess 2025. So dass jeder für sich authentisch sagen kann: „Ja, habe ich verstanden und nachdem wir das diskutiert haben, trage ich das mit.“ Denn wenn das nicht so ist und der Mitarbeiter sagt: „Ich finde das total bescheuert, aber mir wurde das aufgezwungen, da hat jemand am grünen Tisch entschieden ‚entwickelt euch mal!“ – das dürfen wir auf keinen Fall so machen. Da fehlt die Beteiligung und damit die Identifikation.

JS: Das ist auch etwas, was Herr Wegner von Anfang an sehr deutlich formuliert hat: Ihm ist Beteiligung wichtig. Die Frage ist, wie es angenommen wird. Das ist jetzt nicht grundsätzlich anders ist als vorher bei Herrn Vonhoff, aber das ist etwas was Ihnen, Herr Wegner, von Anfang an ein Anliegen war und was man Ihnen sicherlich auch abnimmt.

IB: Zur Frage, ob es angenommen wird: Beteiligung kann ja auch anstrengend sein.

JK: Es gibt aber noch einen anderen Blickwinkel darauf. Beteiligung, Kommunikation, Mitnehmen, das ist das eine. Mitmachen von jedem Einzelnen ist das andere. Wenn wir gemeinsam die Zukunft gestalten wollen, dafür Sorge tragen wollen, dass wir einen guten Job bei den Beschäftigten machen, dass unsere Arbeitsplätze langfristig sicher sind und zwar sowohl die der Beschäftigten als auch der Mitarbeiter, dann ist es zwingend erforderlich, dass jeder Einzelne seinen Beitrag dazu leistet. Es geht nicht nach dem Motto, ‚fünf Jahre bis zur Rente, das lasse ich jetzt voll auslaufen.‘ Das funktioniert nicht mehr. Es stehen so viele Themen an, die nicht immer nur von den gleichen geschultert werden können. Wir müssen das auf eine deutlich breitere Basis stellen als im Moment. Die Menge der Veränderungen, die wird nicht weniger werden, auch in Zukunft nicht. Im Gegenteil, sie wird voraussichtlich größer werden. Die Welt dreht sich immer schneller und wartet nicht darauf, dass die Theo-Lorch-Werkstätten nicht ganz so schnell mitkönnen, sondern sie wird sich einfach weiterdrehen. Darum brauchen wir jeden Einzelnen und zwar egal in welcher Position. Die Mitarbeiterin in der Hauswirtschaft ist genauso wichtig wie der Mitarbeiter im Lager. Vom Gruppenleiter bis hin zur Geschäftsleitung. Jeder muss seinen Job machen. Das ist auch eine große Herausforderung, das wieder auf eine breitere Basis zu stellen.



IB: Wir haben jetzt darüber gesprochen, dass alles sehr dynamisch, sehr schnelllebig ist. Jetzt sind wir gerade in einer Zeit, die besinnlich sein soll, wo man zur Ruhe kommen soll. Zum Schluss noch ein bisschen was Persönliches, wie ist bei Ihnen die Adventszeit, Weihnachtszeit?

SW: Also wenn ich zu Hause bin schon [lacht], da ich zwei kleine Kinder habe. Im Kindergarten und in der Kinderkirche, da begegnet mir das jeden Tag und natürlich ganz besonders an den Wochenenden. Deswegen ist für mich das Wichtigste an der Weihnachtszeit, die Zeit mit meiner Familie noch mehr und intensiver zu genießen, als im hektischen Alltag. Das ist für mich sehr wichtig, das gibt mir dann auch viel Kraft und ich genieße das, obwohl es hier [bei den TLW] auch schön ist.

IB: Obwohl wir hier jetzt hier inzwischen auch schon sieben Weihnachtsfeiern haben?

SW: [lacht] Ja. Die mir übrigens auch sehr gut gefallen. Bis zum Ende werden es etwa vier Weihnachtsfeiern sein, bei denen ich dabei war – wir haben uns das aufgeteilt. Das ist für mich total schön.

JS: Da sieht man oder erlebt auch wieder, für wen man das macht

SW: Richtig! Genau, dieses Erleben: Hoppla, wie viele das jetzt alle sind, alle auf einmal. 

JS: Der Beschäftigte, der sich selbst dafür feiert, dass er eine Urkunde bekommt. Wenn man sieht, wie sie strahlen. Das ist etwas, für das lohnt es sich dann, da sind solche Veranstaltungen ganz arg wichtig. Ich bin jetzt gerade in der Lebensphase, dass die Kinder erwachsen sind, das heißt Kinderkirche oder Nikolaus sind zwischenzeitlich kein Thema mehr. Sie sind aber noch nicht so erwachsen, dass da schon wieder Enkel im Spiel sind, die das dann automatisch wieder mitbringen. Insgesamt feiern wir aber auch sehr viel in der Familie. Seit mein Vater gestorben ist, verbringen wir Heilig Abend bei meiner Schwester. Ich freue mich aber auch auf die Tage zwischen den Jahren, da wird es dann etwas ruhiger. Ich brauche die Zeit schon auch für mich.

JK: Ich genieße im Moment einfach – ich bin in der gleichen Lebensphase wie Herr Spahr. Die Kinder sind aus dem Haus, aber ist es ja an einem selbst, wie man die Zeit für sich gestaltet. Im Moment – auf Grund der Geschwindigkeit, die es im Geschäft gibt – genieße ich die Adventszeit an den ruhigen Wochenenden. Ich bin in den Advent gestartet mit dem Motto, ich will dieses Jahr mindestens zwei oder drei Weihnachtsmärkte besuchen, nachdem mir das letztes Jahr nicht gelungen ist. Heute Morgen beim Herfahren habe ich mit meiner Frau darüber gesprochen, dass dieses Vorhaben bis zum heutigen Tag noch nicht umgesetzt ist und ich befürchte, dass das auch wieder nach hinten fällt, aber dann ist es auch nicht schlimm, dann soll es so gewesen sein. Ansonsten freue ich mich auf Weihnachten, ich genieße die Tage mit der Familie, auch wenn man das früher manchmal als Stress erlebt hat. Heute erlebe ich das nicht mehr als Stress, sondern ich freue mich einfach darauf. Die Eltern werden älter, man weiß nicht, wie lange man sie noch hat, von daher heißt es einfach, die Zeit miteinander zu genießen.

IB: Herr Wegner, Herr Knoll, Herr Spahr, vielen Dank für die vielen interessanten Einblicke, und dass Sie sich Zeit genommen haben für dieses Gespräch.